Liebe Kolleginnen ,

in jedem Jahr werde ich gefragt, ob der „Weltfrauentag“ noch in unsere Zeit passt:

Frauen sind doch heute emanzipierte Partner, sind berufstätig, sind in der Politik, im Sport… in allen Bereichen der Gesellschaft aktiv, anerkannt! Also warum heute noch diesen Tag feiern, der doch antiquiert ist, weil er aus einer Zeit stammt, als Frauen nur arbeiten durften, wenn ihre Männer es erlaubten, als Frauen kein eigenes Einkommen hatten, als Frauen nicht einmal Fußball spielen und „natürlich“ schon gar nicht wählen durften.

Und dann lasse ich das letzte Jahr Revue passieren und stelle fest, dass sich vieles für Frauen geändert hat – aber dass vieles noch im Argen liegt, auch bei uns in Deutschland.

Mir fallen die Ereignisse rund um die Silvesterfeierlichkeiten 2015 ein: In Köln (und anderen Großstädten) werden Frauen auf offener Straße von großen Gruppen Männern bedrängt, gegen ihren Willen angefasst, ja sogar sexuell genötigt bis hin zu Vergewaltigungen!

Das Frauenbild der Männer, die zu solchen Taten fähig sind oder die solche Taten zulassen, darf nicht hingenommen werden. Jeder Mensch – und in besonderem Maße auch Frauen – müssen sich vor Gewalt und sexuellen Auswüchsen sicher fühlen können. Ein Nein muss als nein akzeptiert werden.

Ich sehe mit Grausen Reportagen von Frauen, die zu uns gekommen sind und die über Genitalverstümmelung berichten, über die Schmerzen, die Folgeschäden, über die Unfähigkeit der sexuellen Selbstbestimmung – Grausamkeiten, die wir uns nicht vorstellen können und die wir in unserem Land für unmöglich halten. Aber in den Reportagen werden wir darauf hingewiesen, dass auch bei uns Genitalverstümmelungen durchgeführt werden.

Den Frauen, die diesen Praktiken entkommen wollen, muss geholfen werden. Ihre Sicherheit in unserer Gesellschaft muss eingefordert werden.

Und natürlich sehe ich auch die Generation unserer Mütter, die noch kein eigenes Einkommen hatten, die von der Rente ihrer Männer und nach deren Tod mit einem Bruchteil der Renten ihrer Männer leben müssen,  für die Altersarmut bittere Realität ist. Für sie müssen wir eintreten und eine Verbesserung ihrer Einkommensverhältnisse einfordern.

Ich denke an die Frauen, die in Kürze in Rente gehen werden, die oft jahrelang nicht und danach in Teilzeit gearbeitet haben und die trotz eines eigenen Einkommens mit ihrer Rente finanziell nicht ausreichend gesichert sind. Teilzeitarbeit mit allen daraus resultierenden finanziellen Nachteilen ist derzeit leider noch immer überwiegend ein Frauenthema.

Hier sind wir gefordert, die finanzielle Absicherung der Frauen einzufordern.

Und für die Frauen, die heute wegen Elternschaft und/oder Pflege ihren beruflichen Weg ändern wollen oder müssen – mit Teilzeit, Telearbeit… – müssen wir einstehen, damit  Elternschaft oder Pflege nicht zum Karrierekiller wird! Fortbildungsmaßnahmen, Beförderungen, Übertragung von Sonderaufgaben müssen auch für diejenigen möglich sein, die nicht täglich körperlich am Schreibtisch sitzen. Noch sind sehr viel mehr Frauen in der Gruppe der Teilzeit-/Telearbeitenden, aber unsere männlichen Kollegen holen auf – das Thema wird also in Zukunft ein Thema für beide Geschlechter werden.

Sicherheit für Frauen war und bleibt ein Thema für den Internationalen Frauentag – ob es ein sicherer Arbeitsplatz, Sicherheit durch gute Ausbildung, Sicherheit vor körperlichen oder seelischen Übergriffen, finanzielle Sicherheit oder Sicherheit vor Altersarmut ist.

Deshalb werden wir auch in diesem Jahr auf die Problemfelder hinweisen, in denen Frauen aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Rolle betroffen oder benachteiligt sind.

Lassen Sie uns in diesem Sinne auch am 8. März 2017 zeigen, dass wir bereit sind, für unsere Rechte zu kämpfen!

Passen Sie gut auf sich auf – andere tun es nicht!

Mit freundlichen Grüßen

Marion Haftstein

Landesgruppe NRW